Für mich ist seit der Vorstellung von iOS 6 die Passbook-Funktion das wichtigste Feature in der neuen iOS-Version. Ich denke, dass der Dienst viel zu wenig Beachtung bekommt. Passbook integriert externe Apps und speichert automatisch Gutschein-/Guthaben-Karten, Flug-Tickets, Kino-Karten und vieles mehr. Würde beispielsweise die ÖBB in der neuen Fahrkarten-App diese Funktion unterstützen, würden gekaufte Tickets automatisch im Passbook abgelegt, von wo sie der Kontrolleur direkt scannen kann. Auch eine Kinokarte, die über eine App gekauft wird, erscheint im Passbook. Karten können an einen zeitlichen oder örtlichen Kontext gebunden sein. So erscheint der Boarding-Pass direkt am Lockscreen, wenn man am richtigen Tag in der Nähe des Flughafens ist und mit einem Swipe erscheint das Ticket direkt auf dem Display. Auch eine Guthaben-Karte von Starbucks erscheint genau dann, wenn man sich in einem Lokal der Kette befindet. Mit einem Swipe wird ein Barcode angezeigt, der an der Kasse via Scanner gelesen wird. Schon ist der Kaffee bezahlt und am Display erscheint in der gleichen Sekunde der aktualisierte Guthaben-Stand via Push-Notifications. Soweit zur Theorie und Praxis von dem, was uns Apple bisher verraten hat. Ich möchte jetzt aber in einem Gedankenexperiment einen Schritt weiter gehen und erklären, warum mich der Service eigentlich begeistert. Er könnte nämlich ein Game-Changer für die Payment-Industrie werden.

Im Juni 2012 hatte Apple bereits über 400 Millionen Apple-Accounts mit gespeicherten Kreditkarten-Informationen. Durch das Apple-Store, App Store und iTunes Ökosystem hat Apple wahrscheinlich neben Amazon eine der größten Datenbanken an Zahlungsmitteln weltweit. Diese sind permanent mit dem Apple-Account verknüpft und jederzeit bereit zur Verwendung. Man kann sogar in den Apple Stores in den USA bereits mit dem Apple-Account bezahlen. Am mobilen Zahlungs-Terminal (übrigens ein iPod Touch) oder dem eigenen iPhone gibt man einfach seine Account-Daten ein und der Einkauf wird direkt und unkompliziert über den Apple-Account abgerechnet.

Was wäre, wenn Apple aber direkt eine „Apple-Card“ in Passbook integriert, die über einen Barcode verfügt und zur Zahlung in teilnehmenden Geschäften verwendet werden kann. So soll es funktionieren: Man steht an der Kassa, auf dem Lockscreen wird angezeigt, dass man sich in einem teilnehmenden Geschäft befindet und mit einem Swipe wird die Apple-Card inklusive Barcode angezeigt. Dieser wird vor Ort gescannt, die Zahlung wird online authorisiert und schon ist der Verkauf abgeschlossen. Im Hintergrund wird die gespeicherte Kreditkarte oder das mit Gutscheinkarten aufgefüllte Guthaben belastet und die Papier-Rechnung wird ebenfalls durch eine virtuelle Rechnung per Mail und im App ersetzt. Eine andere (etwas abgeschwächtere) Möglichkeit wäre, Anbietern wie Starbucks die Möglichkeit zu geben, das Guthaben auf der Karte via Apple-Account aufzuladen. Im Grunde läuft es auf das Gleiche hinaus, aber die Idee von einer alles umfassenden Apple-Card, die man überall verwenden kann, gefällt mir weitaus besser.

Voilà, hier ist Apples derzeit fehlende Zahlungsfunktion. Im Grunde steht alles schon bereit und es würde mich nicht wundern, wenn Apple nach einer kurzen Passbook-Testphase auf den Masterplan umschwenkt und eine Zahlungsfunktion über die Store-Daten anbietet. Nicht in direkter Zusammenarbeit mit den Kreditkarten-Unternehmen, so wie es derzeit jeder andere (Google, *hust*) versucht, sondern clever um sie herum manövriert. Apple-like und ohne Kompromisse. Auf der anderen Seite leichter und einfacher, als Deals direkt mit den Kreditkarten-Unternehmen auszuverhandeln, die ihre Kontrolle auf gar keinen Fall aus der Hand geben möchten. Es braucht dazu auch kein NFC. Wie die Starbucks-Card zeigt, geht die Bezahlung auch nur über einen speziellen Barcode. Das ist auch vielleicht der Grund, warum wir keinen NFC-Chip bei der Vorstellung des neuen iPhones gesehen.