Seit ein paar Jahren versucht Microsoft den Windows Phone Store ins Rollen zu bringen. Nach einer relativ langen Durststrecke sind jetzt schon viele offizielle Apps im Store und fast täglich kommen neue dazu. Das heißt, dass auch große Webdienste die Plattform nicht mehr länger ignorieren wollen können und sich etwas von der Präsenz auf der Plattform versprechen. Daneben gibt es immer mehr kleine Entwickler, die sich im Windows Phone Store behaupten wollen und Apps für Microsofts mobiles OS entwickeln. Doch wenn ich einen Großteil des Angebots im iOS App Store und Windows Phone Store vergleiche, fällt zumindest ein Punkt negativ auf: Ganz abgesehen davon, dass Microsofts Angebot rein quantitativ dem von Apple hinterherhinkt, gibt es auch qualitativ eine große Lücke. Während man auf iOS das Gefühl hat, dass sich die Entwickler gegenseitig mit neuen User Interface-Ideen übertrumpfen wollen, kommt bei Windows Phone 8-Apps viel zu of die Standard Interfacepalette von Microsoft zum Einsatz. iOS-Entwickler scheinen unendlich neue Interface-Elemente zu erfinden, experimentieren mit verschiedensten UI Ideen und toben sich mit Eye-Candy aus. Von all dem sieht man im Windows Phone Store relativ wenig. Irgendwie fehlt generell das Polishing der Apps.

Die Situation ist vergleichbar mit der Anfangsphase des iPhone App Stores. Damals gab es auch „dieses“ Standardinterface, das man bei einer Vielzahl Apps gefunden hat. Jede Kategorie von App wurde in dieses Muster hineingezwängt. Vielleicht ab und zu mit ein paar Grafiken aufgepeppt, aber grundlegend waren die Apps in den altbekannten blau und grau Tönen gehalten. Danach kam die Phase, wo sich einzelne Entwickler von der Masse an Standard-Apps abheben wollten und bei der Interface-Gestaltung ihre eigenen Wege gegangen sind. Sie haben schnell gemerkt, dass dieser Weg die einzige Chance ist, sich von den Mitbewerbern abzuheben.

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Ich kann mich noch gut an das UI-Schlachtfeld der Twitter-Clients zurückerinnern, was diesbezüglich ein Paradebeispiel war. Alle Twitter Apps hatten damals mehr oder weniger den gleichen Feature-Umfang und die Entwickler mussten sich nacheinander immer bessere/schönere/bedienbarere Interfaces einfallen lassen, um sich am Markt durchzusetzen. Herausgekommen sind geniale Einfälle und heute allgegenwärtige Dinge wie „Pull to Refresh“. Die daraus entstandenen, scheinbar gut funktionierenden Interface-Patterns wurden in weiterer Folge von anderen Entwicklern übernommen und gehören mittlerweile zum Standardwerkzeug eines iOS-Entwicklers. „Pull to Refresh“ wurde sogar von Apple ab iOS 6 in das offizielle SDK integriert. Ein weiteres Beispiel ist die Slide-Geste vom Geräterand um ein neues Panel zum Vorschein zu bringen. Dieses Feature hatte, soweit ich mich erinnern kann, ihren Ursprung in der Facebook App und befindet sich heute in geschätzt jeder zweiten App im Store.

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Im Jahr 2012 (als iOS7 noch kein Thema war) hat sich schließlich so gut wie kein Entwickler mehr getraut, eine First-Class App im ursprünglichen Blau-Grau-Theme herauszubringen. Designer und Entwickler haben begriffen, wie sie sich mit einem besonders raffinierten und schönen Interface von der Konkurrenz absetzen können – und versuchen natürlich alles, damit ihnen das gelingt. Genau diesen Leuten ist es zu verdanken, dass sich die Style-Trends rund um iOS mittlerweile mehrere Male komplett neu erfunden haben. Ganz ohne dass Apple auch nur ein Bisschen dazu beigetragen hat. Ohne die unzähligen Apps mit teils revolutionären User Interface-Ideen wäre Apple viel schneller an den Punkt gekommen, wo iOS altbacken wirkt und für den Nutzer langweilig wird. So haben die Dritt-Entwickler dafür gesorgt, dass sich Style-Trend an Style-Trend reiht und dem Benutzer ständig etwas Neues präsentiert wird. Das iPhone (und iPad) hat auf diese Weise sehr von den Entwicklern profitiert, die sich UI-technisch etwas aus dem Fenster gelehnt haben.

Windows Phone ist jetzt genau da, wo Apples Plattform auch anfangs war. Nämlich dort, wo zwar viele Apps in den Store kommen, diese aber dank Verwendung von Standard-Elementen alle irgendwie gleich aussehen und sich ähnlich anfühlen. Die „Großen“ (read: Foursquare, Twitter, Path, Skype, …) und einige kleinere Entwickler (6tag, …) brechen den Trend  langsam und versuchen genau das, was bei iOS so gut geklappt hat: Sie versuchen sich mit einem anderen User Interface von der Masse abzuheben. Das heißt natürlich, dass nicht alles 1:1 mit Microsofts Design Guidelines übereinstimmt – muss es aber auch nicht. Solange die Grundzüge und Gedanken der Plattform übernommen werden und sich die App nicht wie ein Fremdkörper auf dem System anfühlt, kann man ruhig sein eigenes Ding machen. Die Standardpalette von Microsoft ist zwar praktisch und hilfreich, wenn man schnell eine fertige App in den Store submitten will, sie ist aber dank ihrem einfachen und simplen Style auch sehr eintönig und taugt schon gar nicht als Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Apps. Ich ertappe mich selbst immer öfter dabei, Apps langweilig zu finden und sehne mich nach einem Upgrade von Metro Modern UI. Der typographielastige, simple Style von Microsofts Modern UI ist Fluch und Segen zugleich. Er wirkt anfangs super frisch und toll, braucht aber wahrscheinlich bald einen graphischen Reboot. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Microsoft hier nachlegen muss und sich vom „schwarzer Hintergrund mit viel Typographie“-Image wegbewegt.

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Wie bei iOS liegt es auch an den individuellen App Entwicklern- und Designern selbst, für weniger Eintönigkeit zu sorgen. Sie müssen versuchen die User Experience und den Rahmen, den Microsoft mit dem Framework und SDK bietet, zu erweitern und ruhig auch einmal abseits der Guidelines zu agieren. Die jüngsten Änderungen der Facebook App zeigen, dass auch Microsoft dies so versteht. Facebook Beta bedient sich komplett anders als die alte App, bei der sich Microsoft noch viel stärker an die Windows Phone-Plattform Guidelines und Vorgaben gehalten hat. Die Pivot-Ansicht musste beispielsweise einem komplett anderen Layout weichen, das man bisher eher von iOS und Android gewöhnt ist. Auch Foursquare, Twitter und 6tag setzen nicht mehr 100 Prozent auf den ursprünglichen Windows Phone-Style.

In dieser Bewegung kann man die Parallelen zu iOS sehr gut erkennen. Deswegen glaube ich auch, dass wir in Zukunft immer mehr solcher Design-Spielereien in Windows Phone-Apps sehen werden. Auch kleinere, auf Design und UI/UX spezialisierte Entwickler werden ihre Chance sehen und den Markt aufmischen. Im Endeffekt sollte davon die ganze Plattform profitieren. Denn eine Umgebung, wo sich Designer und Entwickler gegenseitig vorantreiben und pushen, ist erst ein Ökosystem, das immer mehr solcher erstklassiger Leute anzieht. Windows Phone wird sich in diese Richtung weiterentwickeln und wir werden vor allem farbenfrohere und intensivere Apps zu Gesicht bekommen.

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Was denkt ihr darüber? Würde mich über Feedback und Gedanken freuen :-)