Seit dem letzten Herbst, wo ich Anfang September in Berlin die Vorstellung des Lumia 920 miterleben durfte, habe ich mich auf das Gerät gefreut. Jetzt ist es endlich soweit und das neue Flagship-Smartphone von Nokia ist auch in Österreich erhältlich. Grund genug, sich anzuschauen, was das Windows Phone 8-Smartphone alles kann und wie es sich im Vergleich zur Konkurrenz (read: iPhone 5, Nexus 4, HTC 8X) schlägt.

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Hardware

Wie schon bei den alten Windows Phone 7-Devices setzt Nokia auch diese Generation wieder auf bunte Farben, um sich von den Mitbewerbern abzusetzen. Statt der schwarz oder weißen Einheitsfarbe gibt es beim Lumia 920 eine sehr schicke gelbe und rote Variante. Wer es dezenter will greift zum schwarzen Modell. Mir persönlich gefällt der Mut zur Farbe. Das Smartphone fällt den Leuten auf. Wenn ich in einer Gruppe unterwegs bin oder in der U-Bahn sitze , kommt es nicht selten vor, dass ich wegen der Farbe auf das Lumia angesprochen wurde. Dabei wurde das Gerät eigentlich immer als cool, toll und schick bezeichnet. Die Strategie von Nokia diesbezüglich scheint also zu funktionieren.

Aber nicht nur das Äußere vom Lumia 920 ist spitze, auch die inneren Werte stimmen voll und ganz. Während Nokia wegen den Beschränkungen von Microsoft und der Windows Phone 7-Plattform bisher bei der Auswahl der Hardware immer sehr eingeschränkt war, konnte man diesmal ein wirklich konkurrenzfähiges Smartphone bauen. Ein Snapdragon S4 Dual-Core mit 1,5 GHz verrichtet zusammen mit einem Adreno 225 Grafikchip und 1 GB Arbeitsspeicher seine Arbeit. Genügend Power, um jegliche Berechnungen zu bewältigen, die man im Alltag antrifft. Die Windows Phone 8-Oberfläche fühlt sich äußerst flüssig an und das Scrollen funktioniert ohne Ruckler oder Macken. Selbst den Aufbau von großen und aufwändigen Seiten im Internet Explorer schafft das Smartphone flüssig und schnell.

Wenn man das Lumia 920 aber das erste Mal in der Hand hält, fallen zwei Attribute auf, die nicht wirklich positiv sind. Einerseits ist das Lumia 920 ziemlich schwer. Und zwar richtig schwer. Das Smartphone bringt 185 Gramm auf die Waage. Im Vergleich dazu sind das iPhone mit 112 Gramm und das Nexus 4 mit 139 Gramm wahre Fliegengewichter. Was jedoch positiv vom Gewicht beeinflusst wird, ist die gefühlte Wertigkeit des Smartphones. Der Polycarbonat-Unibody zusammen mit dem hohen Gewicht verleihen dem Lumia 920 einen äußerst hochwertigen Flair. Im Gegensatz dazu fühlt sich das iPhone 5 wie ein Spielzeug oder ein Attrappen-Modell aus dem Elektrofachhandel an.

Nichtsdestotrotz sollte ein Smartphone nicht so schwer wie das Lumia 920 sein. Ein Gewicht in der Nähe des Nexus 4 wäre perfekt. Das zweite Attribut, das mir persönlich nicht so gut gefällt ist die Größe bzw. das Volumen des Smartphones. Ich habe darüber ja bereits geschrieben: Ich bin einfach kein Fan von großen Smartphones und werde es wohl auch nie werden. Entweder es sind meine Hände, die zu klein für die neuen Phones sind, oder die Geräte sind einfach zu groß. Ich weiß es nicht, jedoch mag ich es nicht, wenn ich ein Smartphone nicht vollständig mit einer Hand bedienen kann. Viele der Funktionen funktionieren im Ein-Hand-Betrieb. So kann man problemlos eine Nummer aus dem Telefonbuch suchen oder eine SMS-Nachricht tippen, ich komme aber beispielsweise mit dem Daumen nicht zur linken oberen Ecke ohne meine Hand am Smartphone umpositionieren zu müssen. Was noch dazu kommt ist die äußerst glatte Oberfläche, die nicht wirklich das Gefühl gibt, dass man das Gerät bei diesen Verrenkungen noch sicher in der Hand hat.

Der 4,5 Zoll große Touchscreen mit einer Auflösung von 1280 x 768 Pixeln ist eines der Highlights vom Lumia 920. Bei der Farbtreuheit ist das Display des Lumias sehr gut. Schwarz ist schwarz, weiß wird auch weiß und nicht leicht gräulich dargestellt. Auch bei direkter Sonneneinstrahlung bleiben Bilder und Text am Display noch gut erkenn- und lesbar. Wirklich interessant wird es aber erst, wenn man mit dem Display interagiert. Nokia hat dem Lumia 920 nämlich eine neue Technologie namens PureMotion HD+ spendiert, die Umschaltzeiten zwischen zwei Pixel-Darstellungen um den Faktor 2,5 beschleunigt und dadurch für ein besonders scharfes Bild ohne Motionblur bei Bewegungen sorgt. Auch die Touch-Erkennung wurde verbessert. Einem besonders sensiblen Sensor (der in den Einstellungen übrigens deaktiviert werden kann) ist es zu verdanken, dass man das Lumia 920 selbst mit Handschuhen oder durch Papier hindurch bedienen kann. Vorbei sind die Zeiten, wo man sich extra Touchscreen-Handschuhe kaufen musste. Besonders der letzte Punkt ist ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber den Geräten der Konkurrenz und sollten vor allem in winterlichen Regionen wie Österreich für Begeisterung sorgen.

Ein weiteres technisches Highlight stellt die PureView Kamera dar. Diese besteht zwar nicht so wie beim Nokia PureView 808 aus einem 41 Megapixel-Sensor, dennoch hat man sich einiges einfallen lassen, um die Fotos vor allem in lichtarmen Situationen zu verbessern. Ein Großteil der Verbesserung bei Nachtaufnahmen entfallen auf den optischen Bildstabilisator, der eine Neuheit bei Smartphones darstellt. Dieser gleicht Bewegungen beim Fotografieren aus und hilft die Belichtungszeit zu verlängern. Dadurch trifft mehr Licht auf die Linse und die Fotos werden heller. Bei schwachem Licht oder in der Nacht erreicht das Lumia auf diese Weise  in der Smartphone-Welt eine bisher unerreichte Fotoqualität. Leider kann die Performance bei Tageslicht nicht ganz mithalten. Das Lumia 920 schießt dann nämlich Fotos, die ein wenig unterhalb der Qualität vom iPhone 5 angesiedelt sind. Manchmal kommt es zu kleineren Unschärfen beim Auto-Fokus oder einem nicht gut adjustierten Weißabgleich. Oft braucht es mehr als ein Foto um das gewünschte Ergebnis zu erreichen. Die spektakulären Bilder in der Nacht gibt es übrigens in einem extra Post, wo ich einen Nacht-Photowalk durchs verschneite Wien dokumentiert habe. Hier noch ein paar Tageslicht-Aufnahmen:

Aber damit noch nicht genug. Nokia wäre nicht Nokia, wenn sie nicht noch ein paar Extras ins Lumia 920 gepackt hätten. Nachdem bei den vorherigen Windows Phone-Geräten wegen der fehlenden Unterstützung von NFC auf den Kommunikations-Standard verzichtet werden musste, feiert NFC beim Lumia 920 ein Comeback. Dank tiefer Integration ins Betriebssystem kann man Inhalte ohne Probleme mit anderen Windows Phones sharen. Auch mit Windows 8 funktionierte diese Funktion ohne Probleme, wodurch man beispielsweise Links oder Fotos schnell vom Smartphone aufs Tablet oder umgekehrt transportieren kann. Neben NFC wurde auch der Qi-Standard für kabelloses Aufladen integriert. So kann das Lumia 920 kontaktlos aufgeladen werden. Dazu muss man das Gerät nur auf eine passende Ladestation legen und schon wird der Akku geladen. Sehr komfortabel und praktisch bzw. ein nettes Nice-To-Have-Feature.

Ebenfalls sehr nett ist die Unterstützung von LTE. Das Lumia 920 unterstützt das gerade von A1 eingeführte LTE-Netz, wodurch es einen Geschwindigkeitsboost bei der Datenübertragung gibt. Dafür notwendig ist zwar ein spezielles Zusatzpaket um ca. 10€, dafür bekommt man aber ein Vielfaches der Datenübertragungsrate. Meinen Erfahrungsbericht mit LTE gibt es hier.

Eigentlich sind die Größe und das Gewicht meine einzigen wirklichen Kritikpunkte an der Hardware. Ansonsten hat Nokia wie gewohnt ein super Gerät abgeliefert. Die Verarbeitungsqualität stimmt, es knarzt nichts, alle Teile sitzen fest und die technischen Details passen. Zusätzlich wurden einige neue Technologien verwendet, die bei anderen Herstellern noch in weiter Entfernung liegen und Nokia in diesem Bereich den Technologieführer- und Innovations-Bonus bringen.

Software

Die Grundfeatures von Windows Phone 8 habe ich in meinem  Überblickspost bereits ausführlich beschrieben und werde deswegen nicht mehr extra darauf eingehen. Was bei den Nokia-Geräten jedoch dazu kommt sind einige Nokia exklusive Apps im Store, die Funktionen des Systems erweitern und ergänzen. Allen voran natürlich Nokia Drive+, das eine vollständige Navigations-Lösung bietet und kostenlos heruntergeladen werden kann. Inklusive weltweitem Kartenmaterial, das in sehr hochwertiger Form auch offline zur Verfügung steht. Immerhin ist Nokia mit seiner Tochterfirma NAVTEQ Marktführer im Bereich der Kartenlösungen. Ein klarer Pluspunkt für die Finnen.

Neben Nokia Drive+ gibt es Nokia Musik, das als eine Art kostenloses Musik-Streaming-Radio bezeichnet werden kann. Die Mixes lassen sich auch Offline speichern, wodurch man immer ein paar Stunden Musik bei sich hat. Die Zusammenstellung der Musikstücke erfolgt dabei nicht wie bei anderen Services durch einen Computer-Algorithmus, sondern von Menschenhand, wodurch eine gewisse Qualität sichergestellt wird.

Neben einer Panorama-App und der Gruppenbilder-Funktion stellt Nokia auch eine App namens Cinemagramm zur Verfügung, mit der man ganz einfach animierte Gifs aus alltäglichen Situationen basteln kann. Das besondere dabei ist, dass sich nur bestimmte Teile bewegen und der Rest eingefroren wird. Diese App hat mir vor allem in den letzten Tagen besonders viel Spaß gemacht.

Fazit

Das Lumia 920 bietet die beste Windows Phone 8-Experience am Markt.

Zusammengefasst bekommt man mit dem Lumia 920 derzeitwahrscheinlich die beste Windows Phone 8-Experience am Markt. Neben einer starken Hardware gibt es für Nokia-Besitzer verbesserte Software-Funktionen und zusätzliche Apps, wodurch das Handy gegenüber der Konkurrenz aufgewertet wird. Aber auch betriebssystemübergreifend stellt das Lumia 920 einen würdigen Gegner für iPhone 5 und Nexus 4 dar. Einzig das Ökosystem ist noch nicht so ausgereift und man muss noch viele von iOS oder Android gewohnte Apps durch Alternativen austauschen. Wer also keine Abneigung zu großen Smartphones hat, sollte sich das Lumia 920 auf jedenfall genauer ansehen.

 

Disclaimer: Danke an Nokia Österreich für die Zurverfügungstellung des Testgeräts.